Kreta & Lifestyle · Guido Mitschke · 7. März 2026

Plateia Kornarou Heraklion: Geschichte, Bembo-Brunnen, Sebil

Die Plateia Kornarou in Heraklion vereint venezianische und osmanische Geschichte auf wenigen Quadratmetern – vom Bembo-Brunnen über das osmanische Sebil bis zur Erinnerung an eine gotische Kirche, die 1970 abgerissen wurde.

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Wer am Ende der 1866-Straße in Heraklion steht, dort wo der Markt aufhört und die Autos wieder lauter werden, der steht auf der Plateia Kornarou und merkt es vielleicht nicht einmal. Ein Platz, der keine Visitenkarte verteilt. Kein großes Schild, kein Audioguide-Hinweis, kein inszenierter Moment. Und trotzdem steckt in diesem unscheinbaren Stück Heraklion mehr Geschichte als in manchen ganzen Städten.

Ein Platz, benannt nach einem Dichter, den ganz Kreta kennt

Vincenzos Kornaros, geboren 1553 bei Sitia, später in Chandax – dem heutigen Heraklion – zu Hause, hat der griechischen Literatur eines ihrer wichtigsten Werke geschenkt: den Erotokritos[1]. 10.012 Verse[8], geschrieben im kretischen Dialekt, eine Liebesgeschichte zwischen Erotokritos und Aretousa, die auf der Insel bis heute zu Musik rezitiert wird. Auszüge werden gern in geselliger Runde vorgetragen, und viele Kreter kennen ein paar Verse auswendig[4]. Es ist keine Folklore. Es ist lebendig.

Die Statue auf dem Platz zeigt Erotokritos zu Pferd, wie er sich von Aretousa verabschiedet. Eine Szene aus dem Epos, festgehalten in Bronze. Wer sich auf eine der Bänke davor setzt, hört heute eher Mopeds als Verse – aber der Platz erinnert daran, dass Kreta in der Renaissance ein literarisches Zentrum war, lange bevor es als Urlaubsinsel entdeckt wurde.

Die gotische Kirche, die niemand retten wollte

Dort wo heute Platz ist – offener Raum, ein paar Bäume, Verkehr – stand bis 1970 die Kirche San Salvatore. Nach der Angabe einer Ortsseite die einzige rein gotische Kirche auf ganz Kreta[6]. Die Augustiner hatten sie Ende des 13. Jahrhunderts gebaut[2], beeindruckend, lang gestreckt, karg in ihrer Schönheit. Sie überstand die Erdbeben, die Heraklion über die Jahrhunderte trafen, und den Wechsel von venezianischer zu osmanischer Herrschaft.

Als die Osmanen Chandax 1669 eroberten[9], wurde sie zur Moschee. Die Valide Camii, gewidmet der Sultansmutter. Die Heraklioten machten daraus im Volksmund Falte Tzami – ein Name, den ältere Menschen bis heute für den Platz verwenden[4]. Nach der Flucht und dem Bevölkerungsaustausch 1922 diente die Kirche als Flüchtlingsunterkunft, dann bis in die 1960er Jahre als erstes Mädchengymnasium der Stadt.

Bis Juli 1970 stand die Kirche[6], dann wurde sie abgerissen. Als Veranlasser nennt Explore Crete Stylianos Pattakos, Mitglied der Militärjunta[4]. Offiziell galt sie als baufällig; die Quelle hält das für vorgeschoben und spricht von einem weiteren Denkmal, das der sogenannten Stadtentwicklung geopfert wurde. Ein gotisches Gebäude aus dem 13. Jahrhundert, fast sieben Jahrhunderte alt – verschwunden. Ich laufe manchmal über den Platz und denke: Man sieht die Leerstelle. Da, wo die Kirche war, ist der Platz seltsam breit, als hätte jemand etwas herausgerissen und vergessen, die Wunde zu schließen.

Der Bembo-Brunnen: Als Wasser noch ein Ereignis war

An der Nordseite des Platzes steht der Bembo-Brunnen, und wer nicht aufpasst, läuft daran vorbei. Dabei entstand dieses Bauwerk von 1552 bis 1554[3] und gilt als eines der wichtigsten venezianischen Monumente Heraklions[7]. Gianmatteo Bembo, venezianischer Provveditore, ließ als erster fließendes Wasser über ein Aquädukt in die Stadt leiten. Bis dahin war die Stadt vor allem auf Brunnen und Regenwasserzisternen angewiesen[7]. Vorher: Wassermangel.

Die Fassade verbindet Gotik und Renaissance und trägt die Wappen des Herzogs von Kreta, Alvise Gritti, und seiner Ratsherren Giovanni Tiepolo, Giorgio Emo und Pietro Marino[7]. In der Mitte steht ein kopfloses römisches Standbild, das aus dem antiken Hierapytna, dem heutigen Ierapetra, hierher gebracht wurde[3]. Wen es darstellt, ist unbekannt[7]; eine Ortsseite hält Asklepios für wahrscheinlich[6]. Das Wasserbecken unter der Fassade war ein wiederverwendeter römischer Sarkophag[7]. Ein Sarkophag als Wasserbecken – Wiederverwendung antiker Stücke war in der Renaissance üblich, wir würden heute Upcycling dazu sagen.

Das osmanische Sebil: Wohltätigkeit in Stein

Direkt neben dem venezianischen Brunnen steht das Sebil, gebaut 1776 von Hadji Ibrahim Aga[5]. Ein polygonales Gebäude mit großen Bogenöffnungen, unter jeder ein Wasserhahn und ein Steinbecken. Ein öffentlicher Trinkbrunnen, errichtet von Hadji Ibrahim Aga, dem osmanischen Statthalter von Candia, der fast sein gesamtes Vermögen in Bau und Unterhalt gesteckt haben soll[5]. Überliefert ist außerdem sein Wunsch, im Sommer Schnee vom Psiloritis-Gebirge herbeischaffen zu lassen, damit das Wasser eiskalt bleibt[3].

Heute ist im Sebil ein Café untergebracht. Man trinkt seinen Freddo Espresso dort, wo vor 250 Jahren Einheimische und Reisende kostenlos Trinkwasser holten. Die meisten anderen Sebils in Heraklion gingen den Stadtumbauten und Abrissen des 20. Jahrhunderts zum Opfer; dieses ist nach Cretan Beaches das einzige vollständig erhaltene Gebäude seiner Art in der Stadt[5]. Selbstverständlich ist das nicht.

Schichten lesen, nicht Sehenswürdigkeiten abhaken

Was die Plateia Kornarou besonders macht, ist nicht ein einzelnes Bauwerk. Es ist die Verdichtung. Auf kleinem Raum stehen venezianische und osmanische Architektur nebeneinander, erinnert eine Statue an die kretische Renaissance, fehlt eine gotische Kirche, die dort fast sieben Jahrhunderte stand. Römer, Venezianer, Osmanen, Griechen – jede Epoche hat etwas hinterlassen oder etwas weggenommen.

Wer Heraklion nur von der Knossos-Tour und dem Archäologischen Museum kennt, verpasst solche Orte. Die Plateia Kornarou steht in keinem Top-10-Listicle. Sie hat keinen Eintritt, keinen Souvenirladen, keinen Instagram-Moment. Sie hat etwas Besseres: Tiefe.

Ich sitze dort gerne nachmittags, wenn das Licht flacher wird und die Mopeds leiser. Dann wird der Platz zu dem, was er ist – ein Palimpsest aus Jahrhunderten, an dem man ablesen kann, wie diese Stadt wurde, was sie ist. Man muss nur aufhören, hindurchzulaufen, und anfangen hinzuschauen.

Quellen

  1. Wikipedia: Vitsentzos Kornaros ↩
  2. Visit Heraklion: Kornarou Square ↩
  3. Explore Crete: The Bembo Fountain and Turkish Sebil in Heraklion ↩
  4. Explore Crete: Kornarou Square in Heraklion ↩
  5. Cretan Beaches: The Sebil of Kornarou Square ↩
  6. Hotel Olympic Heraklion: The History of Kornarou Square (Ortsseite eines Hotels; Quelle für „einzige rein gotische Kirche“, Juli 1970 und die Asklepios-Vermutung) ↩
  7. Cretan Beaches: Bembo Fountain ↩
  8. Wikipedia: Erotokritos (10.012 Verse) ↩
  9. Wikipedia: Siege of Candia (Belagerung 1648 bis 27.09.1669, Sieg der Osmanen) ↩

Stand der Quellenprüfung: 15.10.2026.

Der Autor zeichnet für Inhalt und Aussage dieses Artikels verantwortlich. Sprachliche Ausformulierung und Hintergrundrecherche wurden nach Vorgaben des Autors mit KI-Unterstützung erstellt.

Häufig gestellte Fragen

Wo liegt die Plateia Kornarou in Heraklion?

Die Plateia Kornarou befindet sich am Ende der 1866-Straße, der bekannten Marktstraße von Heraklion, an der Kreuzung mit der Evans- und Averof-Straße.

Was ist der Bembo-Brunnen?

Der Bembo-Brunnen wurde 1552-1554 vom venezianischen Provveditore Gianmatteo Bembo erbaut und brachte erstmals fließendes Wasser über ein Aquädukt nach Heraklion. Er zeigt eine kopflose römische Statue aus Ierapetra.

Was ist das Sebil auf der Plateia Kornarou?

Das Sebil ist ein osmanischer öffentlicher Trinkbrunnen aus dem Jahr 1776, erbaut von Hadji Ibrahim Aga. Heute beherbergt es ein Café.

Wer war Vincenzos Kornaros?

Vincenzos Kornaros (1553 bis 1613 oder 1614) war ein kretischer Dichter der Renaissance, geboren bei Sitia, Verfasser des Erotokritos, eines der bedeutendsten Werke der griechischen Literatur mit 10.012 Versen.

Was geschah mit der Kirche San Salvatore?

Die Kirche aus dem späten 13. Jahrhundert, nach einer Ortsseite die einzige rein gotische Kretas, wurde 1970 unter der Militärjunta abgerissen, nachdem sie als Moschee, Flüchtlingsunterkunft und Mädchengymnasium gedient hatte.