Der erste Entwurf wird billig. Die Software nicht.

Ein Computerwoche-Kommentar sagt, Software sei bald nichts mehr wert, weil KI sie nachbaut. Der Beleg, ein Photoshop-Nachbau mit „82 Prozent“, schätzt sich selbst bei rund 45 Prozent „bereit für echte Arbeit“. Ein paar Gründe, warum ich trotzdem bei meinem Handwerk bleibe.

Gemauerter Rohbau eines flachen Hauses aus roten Ziegeln und Betonbalken, noch ohne Dach und Fenster, davor ein Sandhaufen, dahinter ein Maisfeld unter bewölktem Himmel.
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In der Computerwoche steht seit dem 21. Oktober ein Kommentar von Andrew Oliver: „Software ist bald nichts mehr wert“. Er fängt mit einem Gedankenexperiment an. Ein Anbieter aus Ihrer Lieferkette will 100.000 Euro im Jahr für sein Produkt. Sie können bis zu einem Jahr durch Einkauf, Sicherheitsprüfung und Budgetrunden laufen, oder Sie geben Claude die Produktbeschreibung und lassen sich etwas Ähnliches bauen.

Danach kommt die Pointe: Das sei ein Test gewesen, und zwar nicht, ob Sie die zweite Möglichkeit erwägen, sondern ob Sie ein Lügner sind. Natürlich nehmen Sie die zweite.[1]

Dann bin ich wenigstens kein Lügner, denn ich würde die zweite Möglichkeit wirklich ausprobieren. Wer schon mal ein Jahr auf Freigaben gewartet hat, kennt die Versuchung, und ich arbeite sowieso viel mit KI. Dass Programmieren billiger wird, habe ich außerdem schon ein paarmal erlebt. Meine erste bezahlte Software war 1981 eine Campingplatzsoftware auf dem VC20, hundert Mark, ich war siebzehn. Danach kamen Clipper und Visual Objects, und jetzt ist es eben KI. Das Schreiben ging jedes Mal schneller.

Trotzdem sehe ich es anders als der Autor. Billig wird der erste Entwurf, also das, was man an einem Produkt sehen und beschreiben kann. Bezahlt wird für das, was danach kommt: Fehler finden, Änderungen einarbeiten, geradestehen, wenn nachts etwas nicht läuft. Und weil Sie es sowieso merken, gleich vorweg: Ich verdiene mein Geld mit Software, die für ein bestimmtes Unternehmen gebaut wird. Ein Bäcker, der Ihnen erklärt, dass gutes Brot nicht so schnell billig wird, ist auch nicht ganz neutral. Rechnen Sie das bitte ein.

Aus 82 werden 45 Prozent?

Als Beleg nimmt der Autor einen Photoshop-Nachbau in Rust, den ein Entwickler Anfang Oktober auf Reddit angekündigt hat, funktional zu 82 Prozent identisch. Der Kommentar gibt selbst zu, dass die Fehlermeldungen etwas anderes sagen, und prognostiziert: noch ein, zwei Wochen, dann sind die Lücken zu. Das ist eine mutige Ansage für ein Programm, an dem Adobe seit Jahrzehnten feilt.[2]

Ich habe nachgesehen, was das Projekt selbst dazu schreibt. In seiner Paritätsbewertung steht eine Schätzung vom 3. Oktober, die zu den 82 Prozent passt. Sie wurde ersetzt, weil sie „viel zu optimistisch“ war und nur die Oberfläche gezählt hatte. Die neue Zahl: rund 45 Prozent „ready for real work“, bei einer Funktionsbreite von rund 76 Prozent. Diese Korrektur stammt vom 10. Oktober, vier Tage vor dem englischen Original des Kommentars. Die 82 Prozent waren dann wohl schon überholt, als sie gedruckt wurden, sofern der Autor diese Schätzung meint. Beweisen kann ich das nicht.[3]

Im README steht übrigens ein Satz, den ich mir bei manchem Anbieter wünschen würde: Jeder Photoshop-Menüpunkt sei mit einem Befehl verbunden, aber das messe die Verdrahtung, nicht das Verhalten. Außerdem schreibt das Projekt, es sei eine frühe Alpha und für die tägliche Profiarbeit noch kein Photoshop-Ersatz. Beim Vergleich mit Dateien, die Photoshop selbst erzeugt hat, stand es am 12. Oktober noch bei 133 bestandenen Fällen von 258 und zwei Tage später bei 188.[4] Das ist ein irres Tempo.

Fair gegenüber dem Autor: Das Tempo ist echt, und seine zwei Wochen sind je nach Fassung gerade um oder noch nicht ganz um. Zwischen dem 14. und dem 22. Oktober ging die Zahl laut Änderungsprotokoll von 188 auf 190. Das beweist nichts, passt aber nicht recht zum Tempo der ersten Woche. Ich würde nicht dagegen wetten, dass sie weiter steigt. Ich würde dagegen wetten, dass ein Grafikbüro darauf in absehbarer Zeit seine Aufträge abwickelt.

Dann bauen wir es eben selbst

Das ist der stärkste Einwand gegen meine Sicht, und er hat eine Zahl. In einer Auswertung der McKinsey-Umfrage vom August 2026 steht: Knapp ein Drittel der 1.719 Befragten (32 Prozent) hat mindestens ein Softwareprodukt oder -feature nicht gekauft, weil sich die Funktion mit KI-Programmierwerkzeugen selbst bauen ließ. Gemessen wurde nur, dass es einmal vorkam. Wie viel Umsatz den Anbietern dadurch fehlt, sagt die Zahl nicht.[5]

Dazu kommt, dass Nachbauen rechtlich einfacher ist, als viele denken. Der EuGH hat 2012 entschieden, dass die Funktionalität eines Programms, die Programmiersprache und das Dateiformat nicht urheberrechtlich geschützt sind. Wer ein Programm rechtmäßig lizenziert hat, darf es beobachten, untersuchen und testen und dessen Funktionen nachbauen, solange er keinen Quellcode kopiert. Handbuchtexte, Design und Patente bleiben geschützt.[6]

Außerdem laufen gute Modelle inzwischen auf eigener Hardware. Alibabas Qwen3.8-27B liegt nach der eigenen Modellkarte bei drei von fünf Programmier-Benchmarks vor Claude Opus 4.6 und bei zweien dahinter. Das sind Herstellerzahlen, und bei einem der Tests hat der Hersteller die Aufgaben erst selbst korrigiert und dann neu gerechnet.[7]

Ich nehme das ernst. Standardsoftware, die im Kern aus Formularen, Listen und ein bisschen Ablauf besteht, kommt unter Preisdruck, und das finde ich nicht schlimm. Wer so etwas bezahlt, sollte bei jeder Verlängerung fragen, was daran in drei Monaten noch schwer nachzubauen wäre. Das sollte ich übrigens auch über meine eigene Arbeit fragen.

Was die Umfrage nicht zeigt, ist, was aus den Eigenbauten geworden ist. Am Freitag läuft der Prototyp, im Jahr danach hat er den Bereitschaftsdienst, den vorher der Anbieter hatte. Einen Prompt kann man nachts nicht anrufen.

Was man am Wochenende nicht mitbaut

Frederick Brooks schrieb 1986 in „No Silver Bullet“, der schwere Teil beim Software-Bauen sei das Festlegen, Entwerfen und Testen der Konzepte, nicht das Niederschreiben. Deshalb erwartete er von keiner einzelnen Technik binnen zehn Jahren einen Faktor zehn bei Produktivität und Zuverlässigkeit. Eine seiner Empfehlungen war, zu kaufen statt neu zu bauen, wo es geht.[8]

Der Text ist vierzig Jahre alt und trifft ziemlich genau die Stelle, an der ein Nachbau hängen bleibt. Die Funktion lässt sich beschreiben. Die Sonderfälle, die ein Produkt über die Jahre einsammelt, lassen sich nicht beschreiben.

Dann die Sicherheit. Im Kommentar ist das Sicherheitsteam Teil des Ärgers, den man sich spart. Nach dem Bericht 2026 von Veracode, das selbst Prüfwerkzeuge verkauft, besteht KI-geschriebener Code den Sicherheitstest im Schnitt in 56 Prozent der Fälle, getestet an mehr als 100 Modellen, und der Wert habe sich seit vier Jahren nicht bewegt.[9] Das sind Modelle ohne Prüfwerkzeuge, ein Agent mit Tests schneidet womöglich besser ab.

Als Einzelfall gibt es Moltbook: Wiz-Forscher kamen dort Ende Januar 2026 binnen Minuten an einen offenen Zugang zur ganzen Produktionsdatenbank, darunter 1,5 Millionen Zugangsschlüssel; die Lücke wurde nach der Meldung geschlossen. Der Gründer hatte öffentlich geschrieben, er habe keine Zeile Code selbst geschrieben.[10] Eine Statistik ist das nicht, aber ein Beispiel dafür, dass „läuft“ und „ist abgesichert“ zwei verschiedene Dinge sind. Wie ich das mit der Prüfung von KI-Code sonst sehe, steht an einem Cent.

Noch etwas für alle, die einen Eigenbau später an Kunden weitergeben: Nach dem Cyber Resilience Act der EU kann man damit Hersteller werden, wenn man es unter eigenem Namen anbietet. Meldepflichten für ausgenutzte Schwachstellen gelten seit dem 11. September 2026, die übrigen Pflichten ab dem 11. Dezember 2027, darunter in der Regel mindestens fünf Jahre Sicherheitsupdates. Ob ein konkreter Fall darunter fällt, ist eine Einzelfallfrage, und die Leitlinien der Kommission dazu liegen bisher nur als Entwurf vor.[11]

Der Netzwerkeffekt ist nicht der einzige Grund

Der Kommentar lässt als einziges Geschäftsmodell die Aggregation übrig: Der Anbieter sammelt Daten und Abläufe aller Kunden, und jeder Kunde hat davon etwas. Die Frage an jede Software laute künftig: Was ist ihr Netzwerkeffekt? Das ist eine gute Frage an jeden Lieferanten, und sie ist unbequem. Als einziger Maßstab ist sie mir zu eng. Streng genommen hat auch ein Buchhaltungsprogramm einen Netzwerkeffekt, weil der Anbieter jede Gesetzesänderung für alle Kunden auf einmal einarbeitet. Dann hat aber fast jede Software einen, und die Frage trennt nichts mehr.

Bei mir selbst sieht es dünner aus. Wer Software für genau einen Betrieb baut, hat keinen Netzwerkeffekt, null. Laut Kommentar bin ich also überflüssig, sobald ein Prompt reicht. Ich glaube das trotzdem nicht. Eine Software muss zu einem Betrieb passen, wie er wirklich läuft, und nicht zu dem, was sich ein Hersteller darunter vorstellt, und das muss über Jahre jemand verstehen und in Ordnung halten. Das Werkzeug ist billiger geworden. Ob ich davon in zehn Jahren noch leben kann, weiß ich nicht. Keine Ahnung.

Zu Satya Nadella, auf den sich der Kommentar beruft: Ein Zitat, dass der Wert von Software gegen null tendiere, habe ich bei ihm nicht gefunden. Gefunden habe ich, dass er in einem Podcast Geschäftsanwendungen im Agentenzeitalter „kollabieren“ sieht, weil die Geschäftslogik zu den Agenten wandere. So zitiert ihn PureAI, den Podcast selbst habe ich nicht gehört.[12] Das ist eine Aussage darüber, wo die Logik sitzt, und eine andere als die im Kommentar.

Drei Fragen vor der nächsten Verlängerung

Für alle, die vor so einer Entscheidung stehen, bleibt etwas Unspektakuläres. Den ersten Entwurf selbst bauen zu lassen ist völlig in Ordnung, schon um dem Anbieter zu zeigen, dass man es kann. Danach gehören drei Fragen auf den Tisch, an den Anbieter und an den eigenen Bau: Wer geht nachts ans Telefon, wenn es nicht läuft? Wer haftet, wenn über eine Schwachstelle Kundendaten abfließen? Und wie kommen meine Daten und Abläufe wieder raus, falls ich wechseln will? Beim Eigenbau heißt die Antwort auf die erste Frage dann ein Name mit Telefonnummer.

Der Kommentar nennt 82 Prozent, das Projekt schätzt sich selbst bei rund 45. Es kann diese Zahl wieder hochbringen, das traue ich ihm zu. Die restlichen Prozent eines Produkts zählt man trotzdem eher in Jahren als in ein, zwei Wochen. Ich tippe auf Jahre.

Quellen

  1. Computerwoche: Software ist bald nichts mehr wert (Andrew C. Oliver, 21.10.2026), Original: InfoWorld: The value of software is approaching zero (14.10.2026). Die deutsche Fassung nennt 100.000 Euro, das Original 100.000 Dollar. Wortlaut: „Das war ein Test. Nicht um herauszufinden, ob Sie die zweite Möglichkeit in Betracht ziehen. Sondern, um festzustellen, ob Sie ein Lügner sind.“ ↩
  2. Computerwoche, Abschnitt „Das quelloffene Fast-Photoshop“: „funktional zu 82 Prozent“, „Ich gebe der Sache noch ein oder zwei Wochen“. Die Reddit-Ankündigung ließ sich nicht öffnen. Zu den Jahrzehnten: OMG! Ubuntu: ArtCraft/PhotoCraft (Oktober 2026), Adobe habe Mischmodi und Filter „over many decades“ feinabgestimmt. ↩
  3. PhotoCraft: target-app-parity.md (Zahlen vom 10.10.2026; die Schätzung vom 03.10.2026 wird dort als „viel zu optimistisch“ bezeichnet, weil sie Oberflächenmerkmale zählte). Eigenschätzungen des Projekts, keine unabhängige Messung. Ob die 82 Prozent des Kommentars dieselbe Zahl sind wie die Schätzung vom 3. Oktober, ließ sich nicht prüfen. ↩
  4. PhotoCraft: README („Every Photoshop menu item is wired to a command … but that measures wiring, not behaviour“; „early alpha“, „not yet a Photoshop replacement for daily professional work“). PhotoCraft: file-format-parity.md, Änderungsprotokoll: „Photoshop-oracle floor 133 → 145 of 258“ (12.10.2026), „185 → 188 of 258“ (14.10.2026), „188 → 190 of 258“ (22.10.2026). „Floor“ ist die Untergrenze bestandener Vergleichsfälle, die das Projekt in seinen Tests festschreibt. ↩
  5. digitalstrategy-ai.com über McKinsey, The State of AI 2026 (veröffentlicht 25.08.2026, 1.719 Befragte, 32 Prozent; die Seite betont, dass die Zahl keinen Umsatzverlust misst); ebenso Startup Fortune. Die McKinsey-Seite selbst ließ sich nicht öffnen. ↩
  6. EuGH, Pressemitteilung 53/12 zu C-406/10, SAS Institute/World Programming (02.05.2012). ↩
  7. Hugging Face: Qwen/Qwen3.8-27B, Modellkarte (abgerufen 30.10.2026). Alle Werte vom Hersteller; Terminal-Bench 2.1 73,0 gegen 78,2 und NL2Repo 42,3 gegen 47,6 gehen an Opus 4.6, SWE-bench Pro 61,7 gegen 53,4 (korrigierte Aufgabenmenge, alle Vergleichsmodelle neu gerechnet), QwenSWEBench 79,0 gegen 63,8 (hauseigener Test) und LiveCodeBench v6 90,3 gegen 88,8 an Qwen. ↩
  8. Frederick P. Brooks: No Silver Bullet – Essence and Accident in Software Engineering (1986), Abstract, Abschnitt „Essential Difficulties“ und „Buy versus build“. ↩
  9. Veracode: 2026 GenAI Code Security Report (Anbieterstudie; Seitenbeschreibung: „The average AI code security pass rate is 56% across 100+ models and hasn't moved in four years“; Tests über 80 Aufgaben). ↩
  10. Wiz Research: Hacking Moltbook (Meldung 31.01.2026, Lücke laut Wiz binnen Stunden geschlossen; Zitat des Gründers: „I didn't write a single line of code for @moltbook“). ↩
  11. EU-Kommission: Cyber Resilience Act (Berichtspflichten ab 11.09.2026, wichtigste Pflichten ab 11.12.2027); Linklaters zum Leitlinienentwurf der Kommission (Entwurf vom 03.03.2026, unverbindlich; Unterstützungszeitraum von fünf Jahren, Artikel 13 Absatz 8). Der Verordnungstext selbst ließ sich nicht öffnen. ↩
  12. PureAI: Don't Read Too Much into the Collapse of Applications (25.02.2025), zitiert Nadella: „That's where they'll all collapse. In the agent era.“ und „The business logic is all going to these agents.“ Podcast: BG2 mit Bill Gurley und Brad Gerstner; ein Transkript ließ sich nicht finden. ↩

Stand der Quellenprüfung: 30.10.2026.

Der Autor zeichnet für Inhalt und Aussage dieses Artikels verantwortlich. Sprachliche Ausformulierung und Hintergrundrecherche wurden nach Vorgaben des Autors mit KI-Unterstützung erstellt.

Häufig gestellte Fragen

Wird Software durch KI bald wertlos?

Billig wird der erste Entwurf, also die beschreibbare Funktion. Gekauft wird aber auch Betrieb, Sicherheitsarbeit, Haftung und das Wissen über Sonderfälle. Der Photoshop-Nachbau, den der Kommentar als Beleg nennt, schätzt sich selbst bei rund 45 Prozent „bereit für echte Arbeit“; eine frühere Schätzung hielt das Projekt selbst für „viel zu optimistisch“.

Darf man Software mit KI nachbauen?

In der EU sind nach dem EuGH-Urteil C-406/10 (2012) Funktionalität, Programmiersprache und Dateiformat nicht urheberrechtlich geschützt. Quellcode, Handbuchtexte, Design und Patente bleiben geschützt. Ob ein „Clean-Room“-Vorgehen im Einzelfall hält, ist offen.

Was muss ich beachten, wenn ich Software selbst mit KI baue?

Einen Verantwortlichen mit Namen für Betrieb und Updates, einen Sicherheitstest und einen Ausstiegsweg. Wer die Software an Kunden weitergibt, kann nach dem Cyber Resilience Act Hersteller werden, wenn er sie unter eigenem Namen anbietet; Meldepflichten gelten seit dem 11.09.2026, in der Regel kommen mindestens fünf Jahre Sicherheitsupdates dazu. Das ist eine Einzelfallfrage.